Vor über einem Jahr habe ich mal Vorsätze gefasst, aufs Papier zu bringen, was Tango für mich bedeutet, und jetzt endlich ist es soweit. Zuerst möchte ich für alle interessierten Non-Tango-Leser eine kurze Einführung geben, im nächsten Artikel wirds dann persönlicher.
Was ist Tango Argentino? Der Normalbürger denkt beim Wort „Tango“ an 1-2-Wie-ge-schritt-Vor-Seit-Schließen, an Tänzer mit Rosen quer zwischen den Zähnen und ruckartige Kopfbewegungen. Dies sind Charakteristika des Standardtango, wie man ihn mit 15 im Tanzkurs gelernt hat und bei Tanzmeisterschaften im Fernsehn sehen kann und hat mit Tango Argentino herzlich wenig zu tun. Während Standardtango feurig, aggressiv und gewaltsam daherkommt, ist Tango Argentino zärtlich, innig und intensiv, die Tänzer sind in tiefen Umarmungen versunken.
Standardtango wurde Anfang des 20 Jahrhunderts in Europa entwickelt um den als zu lasziv angesehenen argentinischen Tango salonfähig für europäische Bälle zu machen. Inzwischen hat sich auch in Europa eine große Fangemeinde um lateinamerikanische Tänze wie Salsa und Tango entwickelt, in Heidelberg alleine könnte man, wenn man wollte, fast jeden Tag in der Woche Tango tanzen gehen. Und zwar auf sogenannten Milongas, das sind für jedermann offene Tanzabend, oft von Tangoschulen, manchmal von Vereinen organisiert, meist mit angeschlossener Bar in lateinamerikanisch eingerichteten Räumlichkeiten. Hier treffen sich die Tangosüchtigen der Region, man sitzt, schaut, plaudert, trinkt ein Glas Wein und verschwindet zwischendrin immer wieder auf die Tanzfläche.
Ungeschriebene Gesetze regeln den Kontakt auf der Tanzfläche, ganz wie in Buenos Aires: Immer fordert der Herr auf, nie die Dame, getanzt wird bis zum Ende einer „Tanda“, das ist eine Folge von 3 bis 5 ähnlichen Stücken, die mit einer „Cortina“ abegegrenzt wird, ein musikalischer „Vorhang“, 30 Sekunden eines Non-Tangos. Während der Cortina kann der Führende seine Dame ohne Gesichtsverlust wieder an ihren Platz führen oder aber sie tanzen eine weitere Tanda. Am Ende des Abends wir eine der tausend Versionen von „La Cumparsita“ gespielt, das wohl bekannteste Tangostück, als Signal, dass die Veranstaltung jetzt vorbei ist. Als „Zugabe“ kommen danach „die letzten Drei“, die traditionell mit dem Partner getanzt werden, mit dem man auf die Milonga kam. Dann geht die Musik aus und man ist plötzlich wieder zurück, in einem alten Fabrikgebäude in Heidelberg.