Seltsam schöne Hügelfluchten

By vanessa84

Geschafft. 205 Kilometer, zehn Tage, mehrere tausend Höhenmeter rauf und runter. Vorher dachte ich, die ersten zwei, drei Tage würden die schlimmsten werden und danach wären wir fit genug um den Rest ganz locker abzulaufen. Und wirklich: Als ich am vierten Tag total geschlaucht frühmorgens im Zelt aufwachte, schlug ich tatsächlich meinem Bruder vor, die Tour abzukürzen und zwei Tage darauf mit dem Zug nach Hause zu fahren. Die Vorstellung, noch so viele Kilometer immer noch weiter gehen zu müssen war in dem Moment einfach zu viel. Hinzu kam die Sorge darum, wann das nächste Mal etwas zu Essen eingekauft werden könnte, wo wir in der nächsten Nacht schlafen würden und wie weit der nächste Brunnen entfernd ist. Im Endeffekt haben wir zwar 1,5 Etappen geschummelt, sind mit dem Bus nach Freudenstadt gefahren um dort im Aldi einzukaufen und erst in Hausach wieder auf den Westweg zurückgekehrt. Aber dann haben wir es doch durchgezogen, jeden Tag um die 20km, einmal ganze 33km und als letztes Triumpf auf den Feldberggipfel und wieder runter. Bis wir schließlich, gestärkt von einer Nacht und sehr gutem Essen bei unsrer Oma, heute in Schönau einmarschierten.

Jetzt kommt es mir schon wieder so fern vor und so unwirklich, als hätte gar nicht ich selbst die viertelmillion Schritte gemacht. Nur verschwommen erinnere ich mich daran, wie mir die Muskeln jeden Morgen weh taten, der Rucksack drückte, der Schweiß runterlief, die Schuhe an der Hacke scheuerten. Insgesamt fühle ich mich jetzt, da ich angekommen bin, seltsam leicht (endlich ohne 12 Kilo Rucksack!) und doch auch irgendwie „geläutert“. Der Wald ist schon ganzschön still. Fällt vorallem auf, wenn man aus dem Wald herauskommt. Und mit meinem Bruder kann ich über alles Mögliche reden, aber irgendwann ist alles gesagt. Und dann wird stundenlang geschwiegen und gewandert, nur gelegentlich ein Photo gemacht, eine Trinkpause eingelegt, ein entgegenkommender Wanderer gegrüßt. Also unglaublich viel Zeit zum Nachdenken, Grübeln, Träumen, Gedanken schweifen lassen. Körperlich habe ich mehr erreicht als ich mir zugetraut hätte, und meinen Kopf habe ich auch reingewaschen, ich hoffe nur, das Gefühl hält noch eine Weile an, nachdem mich der Alltagstrott zurück hat.

Schließen möchte ich mit den Worten eines sehr viel poetischeren Wanderers und Schwarzwälders, in dessen Gedichten ich mich immer öfter wiederfinde:

 

Hermann Hesse – Schwarzwald

Seltsam schöne Hügelfluchten,
Dunkle Berge, helle Matten,
Rote Felsen, braune Schluchten,
Überflort von Tannenschatten.
Wenn darüber eines Turmes
Frommes Läuten mit dem Rauschen
Sich vermischt des Tannensturmes,
Kann ich lange Stunden lauschen.

Dann greift wie eine Sage,
Nächtlich am Kamin gelesen,
Das Gedächtnis mich der Tage,
Da ich hier zu Haus gewesen.

da die Fernen edler, weicher,
Da die tannenforstbekränzten
Berge seliger und reicher
Mir im Knabenauge glänzten.

Eine Antwort schreiben