Schwarzwald Westweg – Mit Herz zum Sterz

By vanessa84

Dienstag, 04.08.09 Pforzheim-Dreimarkstein 20,5 km

Es ist kurz vor ein Uhr, fast zwei Stunden später als geplant, als die Computerstimme im Pforzheimer Stadtbus die Haltestelle „Kupferhammer“ ankündigt. Die letzte Nacht noch in den Knochen, in der bis Spät der Besuch der Lieblingscousine gefeiert und begossen wurde, steigen wir aus und stehen vor der „Goldenen Pforte Pforzheim“, dem Startpunkt des Schwarzwaldwestwegs und unserer zehntägigen Wanderung.

Wir suchen gerade den richtigen Takt der Nordic-Walking-Stöcke, die wir trotz unbedingter Empfehlungen albern finden, als wir sorgenvoll beschließen sobald wie möglich Blasenpflaster zu kaufen. Die Apothekerin erfährt von unserem zweihundert Kilometer langen Vorhaben und drückt uns mitleidig zwei Traubenzucker in die Hand. Unsere großen Rucksäcke mit außen angebrachten Isomatten entlocken jedem zweiten Spaziergänger ein „Na, auf dem Weg nach Basel?“, gepaart mit einem wissendem Nicken. Der Westweg scheint nicht ganz unbekannt zu sein.

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Mittwoch, 05.08.09 Dreimarkstein – Hohlohturm 21 km

Unser Frühstück unter blauem Himmel besteht aus Porridge mit frisch gepflückten Waldhimbeeren. Heute wird die Landschaft abwechslungsreicher und bergiger, auf der Aussichtsplattform des Holohturms, Etappenziel und erstem Tausender, erfreuen wir uns erstmals eines bemerkenswerten Blickes über den Nordschwarzwald. Ein ostdeutscher Wanderer sieht unser Zelt, sagt, er habe früher auch so Urlaub gemacht, schimpft auf die Grünen und zerstreut damit etwas unsere Sorgen, wegen Wildcampens am Fuße des Turms Ärger zu bekommen.

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Donnerstag, 06.08.09 Holohturm – Herrenwies 20,5 km

Es wird anstrengend: Wir schleppen unsere je zwölf Kilo Gepäck erst siebenhundert Höhenmeter über Stock und Stein hinunter nach Forbach, wo wir unsere Vorräte auffrischen, dann wieder ebenso viel bergauf über ähnlich kinderwagenuntaugliche Wege zur Badener Höhe. Waren die Nordic-Walking-Stöcke jemals albern? Völlig erschöpft erreichen wir den Campingplatz in Herrenwies und duschen freudig den zwei Tage alten Schweiß von unseren Körpern.

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Freitag, 07.08.09 Herrenwies – Ruhestein 23,5 km

Heftiger Muskelkater lässt uns beim Aufwachen erstmals an unserem Vorhaben zweifeln, nach einem Gratiseis von der Campingplatzbesitzerin schöpfen wir jedoch neuen Mut und machen uns auf zum höchsten Berg des Nordschwarzwalds, der Hornisgrinde (1164 M.ü.d.M.). Von Oben haben wir einen großartigen Blick über die Rheinebene, der zu unserer Ernüchterung auch nach vier Tagen Wanderns noch leicht bis Karlsruhe reicht. Mit dem Mummelsee erreichen wir den Alptraum des Individualtouristen, doch der Hunger zwingt uns zwischen Bollenhüten und Kuckucksuhren im Schwarzwälder Souvenir- und Feinkostladen für ein Brot und 121 Gramm Schinken gut sieben Euro zu lassen, alles begleitet von Bau- und Straßenlärm, Stimmengewirr und Dudelmusik.

Mit der Frage im Hinterkopf, ob die letzte Generation mit Interesse an solchem Heimatkitsch irgendwann ausstirbt oder immer Neue nachkommen, verlassen wir diesen Ort des Grauens und schlagen erschöpft zehn Kilometer weiter unser Zelt an der Bergstation eines Schlepplifts auf.

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Samstag, 08.08.09. Ruhestein – Zuflucht 12,5 km

Da auch an den folgen Tagen statt Ortschaften mit Supermärkten lediglich Wanderparkplätze mit (teuren) Gasthöfen auf unserem Weg liegen würden und unser Luxusvesper erstaunlich schnell zur Neige geht, beschließen wir mit leichter Scham nach nur kurzer Wanderung dreiunddreißig Kilometer abzukürzen und über Freudenstadt mit Bus und Zug direkt nach Hausach zu fahren.

Dort gehen wir ins ausgestorbene Freibad, um dem Drang nach Körperpflege mal wieder nachzukommen, wandern nochmals wenige Kilometer, um dann vor einem nahenden Gewitter in einer Grillhütte mit ziemlich unbequemen Boden Schutz für die Nacht zu suchen.

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Sonntag, 09.08.09. Hausach – Wilhelmshöhe 22 km

Im strahlend heißen Sonnenschein kommen wir zum heftigsten Aufstieg unserer Tour. Von 237 Metern über dem Meeresspiegel geht es auf 1023, jedoch nicht direkt, sondern über zahlreiche Kuppen und Senken. Immer wieder erreichen wir schweißüberströmt eine Höhe, nur um festzustellen, dass es auf der anderen Seite wieder hinunter geht und wir noch weiter rauf müssen. Bis zum Treffpunkt mit unserer Mutter und ihrem Mann, die am Etappenziel geparkt haben und uns ein Stück entgegengelaufen sind, brauchen wir fast fünf Stunden – für gerade mal fünfzehn Kilometer! Das Steak im Gasthof am Etappenende haben wir uns somit ehrlich verdient.

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Montag, 10.08.09 Wilhelmshöhe – Brend 12 km

Ein helles Blitzen, kurz darauf ein Donner. Der Blick auf die Uhr sagt halb acht, immerhin. Denn ab jetzt ist an Schlaf nicht mehr zu denken: Wassermassen prasseln auf unser Außenzelt, welches wegen unerwarteter Porosität anscheinend nur ein Bruchteil des Regens davon abhält, Schlafsäcke, Kleidung und Innenzelt zu durchtränken.

Wir packen hastig zusammen, alles wiegt vollgesogen doppelt so viel, immer noch heftiger Regen, zwöf Grad Celsius, eigentlich haben wir zwanzig Kilometer vor uns – der Tiefpunkt. Ein Anruf bei unserem Privatkachelmann (danke Papa) gibt uns wieder Hoffnung: Morgen und die nächsten Tage wird es wieder schön. Wir laufen neun Kilometer, stehen am Wanderheim vor verschlossenen Türen, wieder ein Gewitterschauer. Wir finden nach weiteren drei Kilometern ziemlich durchgefroren einen Bauernhof, bei dem wir für wenig Geld übernachten, duschen und uns trocknen können und gehen zufrieden um neun (!) ins Bett.

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Dienstag, 11.08.09 Brend – Titisee 33 km

Frisch und ausgeschlafen laufen wir schon um neun Uhr los. Der Tag ist schön, das Wetter nicht zu heiß und beim ersten Schild, nach dem es dreißig Kilometer bis Titisee sind, fühlen wir uns motiviert genug, die verpasste Strecke vom Vortag aufzuholen. Außer einer Tüte Nasi Goreng, die uns die Bäuerin verkauft hatte, haben wir auch nichts mehr zu essen, ein weiterer Grund, bis zur Stadt Titisee durchzulaufen. Das klappt besser als erwartet, der Weg bleibt gleichmäßig eben auf rund tausend Meter über Null. Nach neun Stunden Wanderung kommen wir in Titisee an und erleben ein Mummelsee-déjà-vu. Zu viele Menschen, zu viele vom Kitsch überquellende Läden, zu viel Schlagerbeschallung, und dann hat auch der einzige Supermarkt im Ort zehn Minuten vor unserer Ankunft geschlossen! Schließlich erreichen wir einen ruhigeren Campingplatz, verputzen gierig unser Nasi Goreng und fallen erschöpft auf die Isomatten.

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Mittwoch, 12.08.09 Titisee – Brandenberg 26 km

Nur noch wenige Haferflocken, zwei Nektarinen und dreieinhalb Kilometer bis zum nächsten Laden in Hinterzarten! Dieser stellt sich wieder mal als überteuerter schwarzwälder Feinkostladen heraus, wo eine Packung Kekse für drei Euro fünfzig verkauft wird. Wir kaufen das Nötigste, um gestärkt unseren letzten Tausender in Angriff zu nehmen, den Feldberg. Einige Stunden und sechzehn Kilometer weiter ist es geschafft, der Feldberg bezwungen, von nun an geht es nur noch bergab. Wir verlassen den Westweg, um zu unserer Oma zu laufen, wo endlich wieder ein richtiges Abendessen und ein weiches Bett auf uns warten.

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Donnerstag, 13.08.09 Brandenberg – Schönau 10 km

Wir frühstücken ausgiebig im Kreis der Verwandtschaft und lassen uns gerne überreden, erst nach dem Mittagessen den Zehnkilometerspaziergang bis nach Schönau anzutreten. Vor allem, da Oma eine ihrer bayrischen Spezialitäten kocht: Sterz mit Schäufele und Sauerkraut. Talabwärts nach Schönau legen wir noch eine kurze Pause beim Großonkel ein und erreichen schließlich das Ziel unserer Wanderung: Schönau im Schwarzwald.

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